Out Among The Stars

Ein neues Album von Johnny Cash

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Um das neue Album »Out Among The Stars« von Johnny Cash wurde schon im Vorfeld sehr viel Wind gemacht. Ich werde versuchen zu prüfen, ob dies zu Recht geschah …

Wenn ein neues Album eines schon verstorbenen Künstlers erscheint sind kontroverse Meinungen vorprogrammiert. Die Einen werden argumentieren, das sei »Leichenfledderei« und der Künstler hätte, wenn es ihm wichtig und richtig erschienen wäre, das Album schon zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Andere werden meinen, es ginge bei solchen Veröffentlichungen nur ums schnöde Geld. Wieder Andere werden sagen, der Künstler soll dadurch in all seinen Facetten präsentiert werden und ausserdem gebe man den Fans nur das, was sie wollen. Die Wahrheit liegt sicher wieder einmal irgendwo in der Mitte. Bei Johnny Cash hatten wir dies ja schon bei den letzten zwei posthumen Alben auf American Recordings und die Ergebnisse waren durchaus sehr hörenswert.

John Carter Cash, selber ein nicht ganz so erfolgreicher Musiker, verwaltet nach deren Tod das musikalischer Vermächtnis seiner Eltern June Carter Cash und John R. Cash. Ergebnisse seiner Arbeit sind unter anderem die sehr interessanten vier Doppel-CDs der »Bootleg-Serie« auf Columbia/Legacy, auf denen unveröffentlichte, seltene oder bisher nicht auf CD erhältliche musikalische Beiträge seines Vaters enthalten sind.

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Out Among The Stars

Mitte Dezember des vergangene Jahres kam plötzlich »out among the stars« die Meldung auf, man wolle ein »neu entdecktes« Album von Johnny Cash veröffentlichen. Dieses Album soll 12 bisher unveröffentlichte Songs enthalten. In der Presseankündigung war unter anderem folgender Text zu lesen: »Das Ergebnis, Out Among The Stars, ist ein großartiges Album von Johnny Cash, das eine Verbindung zwischen dem revolutionären Rockabilly seiner „Sun Records“-Jahre und den epochalen letzten Alben, die er für American Recordings gemacht hat, herstellt.« Nun, ja das Album liegt NATÜRLICH irgendwo zwischen den Aufnahmen für Sun Records und den American Recordings. Aber es liegt nur IRGENDWO dazwischen und stellt sicher NICHT die Verbindung dieser zwei wichtigen Abschnitte in Cashs Karriere her. Dazwischen lagen viele unendlich bedeutendere und bessere Alben von Johnny Cash. Also wieder nur Marketing Geklingel? Leider ja.

Meiner Meinung nach sind diese Titel nicht speziell für ein Album aufgenommen worden. Dagegen spricht, im Aufnahme-Zeitraum (März 1981 bis Juni 1984) wurden zahlreiche andere Platten veröffentlicht. Ausserdem hat Cash im Laufe seiner Karriere unzählige Stücke aufgenommen, welche es letztendlich nie auf eine Veröffentlichung schafften. Ausserdem, die Titel des nun vorliegenden Albums waren allesamt schon vorher namentlich bekannt. John L. Smith hat schon 1999 diese und viele andere unveröffentlichte Titel in seinem ausgezeichneten Buch Another Song to Sing: The Recorded Repertoire of Johnny Cash gelistet. Zusätzlich verdächtig ist, dass die Songs vor der Veröffentlichung teilweise durch Beiträge aktueller Musiker ergänzt wurden. Dies deutet doch eher darauf hin, dass die Aufnahmen noch nicht wirklich fertig und eben nicht für die Veröffentlichung gedacht waren. Aber die Mär von einem unentdeckten neuen Album verkauft selbstverständlich ungleich mehr Alben.

Das Album

Was bekommen wir also mit »Out Among The Stars«? Es ist ein typisches 1980er Jahre-Johnny Cash-Country-Album mit der Tendenz zur Überproduktion. Stimmlich ist Cash zweifellos in Bestform. Beim hören beschleicht mich allerdings bei fast jedem Titel das Gefühl, ich kenne nun einmal jeden veröffentlichten Song von Cash, das Arrangement schon einmal bei einem anderen Song gehört zu haben.

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Die Titel

Out Among the Stars
Eine schöne Einstiegsnummer die mit Ohrwurm-Charakter vor sich hinplätschert.

Baby Ride Easy (Duett mit June Carter Cash)
Eine Uptempo-Nummer bei der sich die Stimmen von Cash und seiner Frau wunderbar ergänzen.

She Used to Love Me a Lot
Tolle ruhige Nummer, welche mich stark an das ein gutes halbes Jahr später eingespielte »Highwayman« erinnert.

After All
Eine weitere ruhige Nummer, schön gesungen.

I’m Movin‘ On (mit Waylon Jennings)
Eine weitere, eher unspektakuläre Cover-Version des Hank Snow-Klassikers, aufgenommen mit seinem Kumpel und alten Weggefährten Waylon Jennings. Mit dem kurzen Geplänkel vor dem Song klingt das Ganze auch eher nach einer Jam-Session.

If I Told You Who It Was
Erinnert mich musikalisch und vom Humor stark an die Songs »One Piece at A Time« oder »Chicken in Black«.

Call Your Mother
Klassischer Country-Wohlfühl-Song …

I Drove Her Out of My Mind
Düstere Geschichte leichtherzig und swingend vorgetragen.

Tennessee
Eine musikalische Liebeserklärung an den Bundesstaat. Bemerkenswert ist der Chor am Ende des Songs. Dieser wurde aber offensichtlich erst nachträglich im Jahr 2013 eingesungen.

Rock and Roll Shoes
Der Song kommt mit minimalen Rockabilly-Andeutungen daher. Nicht schlecht aber auch nichts weltbewegendes. Da hätte man durchaus noch etwas mehr daraus machen können.

Don’t You Think It’s Come Our Time (Duett mit June Carter Cash)
Ein Song der an die Wurzeln der Country-Musik und an die Carter-Family-Tradition erinnert.

I Came to Believe
Diese Nummer muss für Johnny Cash eine besondere Bedeutung gehabt haben. Er nahm sie, schon schwer von Krankheit gezeichnet und fast blind, knapp zwanzig Jahre später erneut für American Recordings auf. Diesmal allerdings mit deutlich brüchiger Stimme. Erschienen ist die Aufnahme dann 2006 auf dem posthumen Album »American V: A Hundred Highways«. Hier hören wir Cash auf dem Höhepunkt seiner stimmlich Fähigkeiten.

She Used to Love Me a Lot (Bonus Track) (Remix von Elvis Costello)
Verzichtbarer Remix des Songs.

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Mein Fazit

Das Album ist für Sammler und Fans natürlich ein unverzichtbarer Pflichtkauf. Es ist für meine Sammlung eine schöne Bereicherung. Im Kontext 1981–1984 betrachtet ist das Album durchaus sehr gut und enttäuscht mich nicht. Aber es ist mit den in der Pressemitteilung genannten Phase von Cashs Karriere in keinster Weise vergleichbar. Der durchschnittliche Country-Fan und der Gelegenheits-Cash-Käufer sollte daher, um nicht auf die Marketing-Versprechen hereinzufallen, vor dem Kauf erst einmal in das Album reinhören.

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Meine Wertung: